Juli 2008

Laotse für Manager

Meisterschaft durch Gelassenheit
 
von Werner Schwanfelder
rezensiert von: Rainer Vollmer
 

Eine ungewöhnliche Managementlektüre: Die Weisheiten des Laotse und des Konfuzius haben China geprägt. Laotse, der ältere der beiden, soll im 5. /6. Jahrhundert vor Christus gelebt haben und gilt als Begründer des Taoismus. Der Taoismus ist allgegenwärtig in China. Die wenigsten Chinesen wissen, was Taoismus ist, aber alle sind in ihm aufgewachsen und leben mit ihm.

Grundzug der chinesischen Philosophie ist das Streben nach Harmonie. Während Konfuzius die Auffassung vertritt, Harmonie lässt sich durch Lernen der traditionellen Tugenden und der sozialen Pflichten des Menschen erreichen, sieht Laotse in der Rückkehr zur Tugend und Tradition eine Störung des harmonischen Einklangs. Er fordert, dass sich der Mensch auf den natürlichen Prozess des Wandels der Gegensätze einlässt und nicht unnötig eingreift.

Es scheint gewagt, aus der zurückhaltenden Gelassenheit des Taoismus Anregungen für das moderne Management abzuleiten. Das Bild des zupackenden Machers, des erfolgreichen Gestalters will so gar nicht zu dem auf Harmonie und Zurückhaltung bedachten Taoisten passen. Aber gerade von dieser Spannung lebt das Buch. Vielleicht vermag es nicht immer zu überzeugen, aber doch zum Nachdenken Anlass geben.

Unser Tipp: Lassen Sie sich ein auf die Weisheiten des Laotse und die vom Verfasser daraus abgeleiteten Handlungsanregungen für Manager.

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Inhalt

 
Der Taoismus beruht auf drei Grundbegriffen:
¬ Das Tao ist der Urgrund des Lebens, das Weltgesetz, unfassbar und gleichzeitig die höchste Vernunft. Es ist die absolute Harmonie aber gleichzeitig auch Ursprung der Gegensätze symbolisiert durch Yin, das Empfangende, die Erde, und Yan, das Schöpferische, der Himmel.
¬ Te als Teilaspekt des Tao steht für das Leben, die Realität. Es besteht aus einer Vielzahl sich selbst organisierender Prozesse, die biologische Evolution, die Staatenbildung, die soziologischen Strukturen, die kulturellen Strömungen, die Menschen, das Klima, einfach alles, was die Wirklichkeit ausmacht.
¬ Fragt man nach den sich daraus ableitenden Handlungsmaximen des Einzelnen kommt man zum Wu Wei, dem Nicht-Handeln, dem geschehen lassen, wahr nehmen und dem Lauf des Wassers folgen, wohin es fließt.
 
Die Weisheiten des Laotse lassen sich 10 Schwerpunkten zuordnen, die für einen modernen Manager wichtig sind und die er beachten sollte.

1. Die größte Kraft ruht im Menschen selbst
Sie liegt im Tao, das jeder Mensch in sich trägt. Aber er muss es erst wecken, sich mit ihm auseinander setzen.
Laotse empfiehlt, sich von allen Autoritäten frei zu machen, geistig unabhängig zu sein. Zu bevorzugen ist das Gefühl, der Verstand bleibt im Hintergrund. Es ist besser, den Geschehnissen ihren Lauf zu lassen und nur indirekt einzugreifen. Der Manager wirkt mit Zurückhaltung und Bescheidenheit. Das Ergebnis ist wichtig, nicht die Person. Nicht auf Wirkung und Selbstdarstellung sollte sich der Manager konzentrieren, sondern auf die Inhalte.
Wer sich auf das Tao besinnt, sich seiner inneren Kraft und seinen Möglichkeiten bewusst ist, geht auch mit seiner eigenen Kraft sorgsam um. Der Manager nimmt seine Verantwortung wahr, er vertraut aber auch darauf, dass andere das ebenso tun. Er wahrt Distanz und kann so das Wesen von Erscheinungen besser verstehen. Er meidet jede Übertreibung im Essen, im Schlafen, in der Arbeit, in der Erholung, in der Aktivität und in der Ruhe. Nur wenn die Kräfte im Gleichgewicht sind, stellt sich seelisches und körperliches Wohlbefinden ein. Der Manager tut seine Arbeit und tritt dann zurück. Mit mehr Gelassenheit fügt sich alles zum Guten.
Es gehört zu den Kernaussagen des Taoismus, die Gegensätze zu akzeptieren und den Geschehnissen ihren Lauf zu lassen. Nur so stellt sich Harmonie ein. Es gilt, die Situation auszuloten, die Gegensätze auszubalanzieren und sich ihnen nicht entgegenzustemmen. Es geht nicht um die Einseitigkeit des Nicht-Handelns, sondern um die Harmonie zwischen Handeln und Nicht-Handeln.
Es ist gar nicht so schwer, den Lehren Laotses zu folgen. Wer im Einklang mit sich selbst ist, wer seine Möglichkeiten und Grenzen kennt, wer mit seinen Schwächen und Stärken gleichermaßen umgehen kann, der wird zwangsläufig richtig handeln. Er hat die nötige Ruhe und muss sich nicht mit Äußerlichkeiten und Ritualen in den Vordergrund drängen.


2. Die eigene Souveränität ist die Basis für den Erfolg
Verrichte Dein Werk und tritt dann zurück. Das ist der Weg zur Gelassenheit.
Aus der Konzentration auf sich selbst, auf die Kraft, auf das Tao resultiert die Selbsterkenntnis. Sie ist die Basis für den Erfolg.
Der erfolgreiche Mensch befreit sich aus eigener Kraft von festgefahrenen Denkmustern und Denkgewohnheiten. Er konzentriert sich mehr auf seine Intuition und die Aktualität der Erscheinungen. Daraus resultiert der Weg zu selbstbestimmtem Denken und Handeln.
Eine weitere Folge der Selbsterkenntnis ist, sich selbst zurücknehmen. Gerade in der Führungsaufgabe ist nicht hektische Betriebsamkeit, sondern ruhiges Nachdenken und Analysieren gefragt. Erfolgreiches Führen beginnt bei einem selbst. Der Manager muss sich erkennen und sich akzeptieren, dann kann er auch auf andere einwirken. Er muss sich seiner selbst sicher sein, dann kann er sich auch zurücknehmen und muss nicht der Mittelpunkt sein. So entsteht natürliche Autorität.
Wenn der Manager Veränderungen bewirken will, beginnt er bei sich selbst.
 
Wenn der Manager Veränderungen bewirken will, beginnt er bei sich selbst.
Wenn du die Welt verändern willst, verändere erst dein Land.
Wenn du dein Land verändern willst, verändere erst dein Dorf.
Wenn du dein Dorf verändern willst, verändere erst deine Familie.
Wenn du deine Familie verändern willst, verändere erst dich selbst.
Du bist der einzige Mensch auf der Welt, den du verändern kannst.
 
 
3. Die Freiheit des Geistes schafft den Überblick
 
Die Meister sehen die Dinge, wie sie sind,
versuchen jedoch nicht, sie zu kontrollieren.
Sie lassen sie ihren eigenen Weg gehen
und wohnen im Mittelpunkt des Kreises.
 
Frei von Vorurteilen sieht der Manager die Dinge, wie sie sind. Offenheit ist ein wichtiges Kennzeichen der Kommunikation mit den Mitarbeitern. Die Offenheit für neue Ideen erfordert nach Laotse, sich zunächst von Richtlinien, Regularien und Bestehendem zu befreien. Es gilt, den Geist frei zu räumen für das Wesentliche. Immer wieder mahnt Laotse: erst abgeben, um wieder aufnehmen zu können, erst abschalten, um dann wieder hoch schalten zu können.
Doch nicht jede Idee muss auch umgesetzt werden. Laotse steht Veränderungen sehr skeptisch gegenüber. Nach seiner Auffassung kann man die Welt nicht verändern, sie ist heilig. Manipuliert man sie, richtet man sie zugrunde.
Entsprechend sollte auch in einem Unternehmen jedes Eingreifen in funktionierende Zusammenhänge gut bedacht sein. Es gilt Geduld zu bewahren und die richtige Zeit abzuwarten.
Die Freiheit des Geistes können wir nur dann nutzen, wenn wir mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen. Zu viele Regeln und Verbote zeugen von mangelndem Vertrauen, blockieren die Offenheit, verschütten Kreativität. Sich zurücknehmen und sich und den Mitarbeitern genügend Freiräume zu lassen, wäre eine aus Laotses Lehren abzuleitende Empfehlung. Denn Freiräume fördern Kreativität, beim Kind wie beim erwachsenen Mitarbeiter.
 

4. Aus dem Selbstverständnis ergibt sich das Handeln
Der Meister redet nicht, er handelt, und zwar im Stillen, im Hintergrund. Wichtig ist die Qualität des Ergebnisses, nicht die Show im Vordergrund. Der Manager soll Ergebnisse präsentieren, nicht seine Person.
Die Kunst des Managements zeigt sich im Kleinen. Das ist meist unspektakulär aber auf Dauer erfolgreicher als schnelle Lösungen.
Immer wieder gehen Laotses Ratschläge in die gleiche Richtung: Rede nicht, ehe du die Sachlage verstanden hast. Hast du Schwierigkeiten, Probleme, Engpässe entdeckt, entschärfe sie ruhig und gelassen. Erzwinge nichts. Passe dich dem Fluss der Ereignisse an. Laotse bevorzugt das Nachdenken, Analysieren und das ruhige Agieren zur rechten Zeit.
Die Tätigkeit eines Managers verlangt ein hohes Maß an Flexibilität. Laotse beschreibt bildlich, dass das Starre und Steife zerbrechen wird, nur das Geschmeidige, Weiche wird sich durchsetzen. Es ist also allemal klüger, sich neuen Anforderungen flexibel anzupassen.
Die Pflanzen kommen zart und biegsam zur Welt;
tot sind sie spröde und dürr.
Dieses sich Einlassen auf Veränderungen gilt für das gesellschaftliche Leben, die Arbeitswelt und die zwischenmenschlichen Beziehungen. Nur wer flexibel darauf reagiert, kommt damit zurecht und kann sein Leben positiv gestalten. Folgende Stärken eines Managers lassen sich aus Laotses Lehre ableiten:
¬ Halte dich ans Einfache.
¬ Sei fair und großzügig.
¬ Versuche nicht, Kontrolle auszuüben.
¬ Tu, was dir Freude bereitet.
¬ Steh voll und ganz zur Verfügung.

Immer wieder stellt Laotse den Dualismus des Seins heraus. Aus den Gegensätzen entsteht das Vollkommene. Nicht Entweder-Oder, sondern Sowohl-als-auch heißt die Devise. Und immer wieder fordert er das Sich-Zurücknehmen, das Dienen. Nicht der Ton des Topfes ist wichtig, sondern die Leere, die der Ton umgibt. Nicht das Holz für den Bau des Hauses ist wichtig, sondern der Innenraum, in dem man leben wird. Nicht der Manager ist wichtig, sondern die Mitarbeiter, das Unternehmen.
 
5. Die wahre Größe bedarf keiner Darstellung
Der Manager stellt die Kunden und seine Mitarbeiter in den Mittelpunkt und nimmt sich selbst zurück.
 
Die Meister können dauernd geben,
weil ihr Reichtum niemals versiegt.
Sie handeln ohne Erwartung,
haben Erfolg, ohne Anerkennung für sich zu beanspruchen,
und halten sich nicht für besser als sonst jemanden.

Laotse plädiert nicht für die Stärke und Durchsetzungsfähigkeit des Einzelnen. Jeder soll mit Bescheidenheit und Gelassenheit im Vertrauen auf die selbstregulative Kraft des Tao seinen Beitrag leisten. Der Manager bemüht sich, die Kräfte zu verstehen, die in einer Situation wirken und außerhalb seines Einflusses stehen. Er strebt nicht nach Macht und ist doch mächtig. Er tut nichts, doch er lässt auch nichts ungetan.
Gute Manager bewahren das Vertrauen und geben es weiter. Dies ist die Grundlage einer guten Führung. Dazu gehört auch, den Mitarbeitern Ängste vor Veränderungen zu nehmen. Wer den ständigen Wechsel akzeptiert und sich ihm nicht widersetzt, kann mit weniger Angst leben.

6. Aus Weisheit und Erfahrung kultiviert man die Stärken
Bedürfnisse und Begierden sind starke Triebfedern unseres Handelns. Doch wenn die Begierde keine Zufriedenheit in der Gegenwart mehr zulässt, hätte sie einen schlechten Einfluss. Es kommt also darauf an, den richtigen Ausgleich zwischen Begierden und Zufriedenheit zu schaffen. Der Manager muss die Begierden als Antrieb für Wachstum kultivieren, aber zugleich Zufriedenheit stiften, eine Harmonie zwischen beiden Gegensätzen herstellen.
Nach Laotse kann man auch gewinnen, wenn man zurückweicht, kann man auch erfolgreich sein, wenn man eher defensiv handelt. Die Stärke erweist sich im Nachgeben, in der flexiblen Reaktion. Die Natur macht es uns vor: Bäume biegen sich im Wind, um nicht zu zerbrechen. Aber es muss auch deutlich werden: das Nachgeben stellt nur die Ergänzung zum entschiedenen Handeln im rechten Moment dar.

7. Die Erkenntnis des Wesentlichen ist der Schlüssel zum Erfolg
Nach Laotse ist der Erfolg das Tao, also das Vorankommen auf dem Weg zur Weisheit. Die höchste Weisheit ist nach Laotse, das Wesentliche im richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Was ist nun das Wesentliche. Laotse gibt dazu Beispiele, die wir weiter oben schon genannt haben: das Wesentliche an einem Topf ist nicht der Ton, aus dem er geformt wurde, sondern die Leere im Topf, nicht das Holz, das zum Bau des Hauses verwendet wurde, sondern der Innenraum, der das Haus bewohnbar macht.
Das Wesentliche ist also nicht das materielle Äußere, sondern das ideelle Innere.
Erst kommt also die Erkenntnis vom Wesentlichen, dann die Konzentration auf das Wesentliche. Das Wesentliche ist nicht immer das Offensichtliche. Die Bestimmung der wesentlichen Erfolgsfaktoren in einem Unternehmen ist also letztlich der Schlüssel zum Erfolg.
Wolfgang Mewes hat dazu für Unternehmen eine Vorgehensstrategie entwickelt, die er Engpasskonzentrierte Strategie (EKS) nennt. Sie folgt den Prinzipien:
¬ Konzentration nach innen, auf die Stärkenpotenziale,
¬ Konzentration nach außen, auf eine klar definierte Zielgruppe,
¬ Konzentration nach oben, auf die Nische,
¬ Konzentration nach unten, auf die Tiefe der Problemlösung.
¬ Ergebnis ist eine Art Symbiose, die sowohl der Zielgruppe als auch dem 
   Unternehmen hohen Nutzen bringt.

8. Verantwortliches Handeln setzt Bescheidenheit voraus
Fülle deine Trinkschale bis zum Rand,
und sie wird überlaufen.
Schärfe dauernd dein Messer,
und es wird stumpf werden.
Jage Geld und Sicherheit nach,
und dein Herz wird sich niemals öffnen.
Sorge dich um den Beifall der Leute,
und du wirst ihr Gefangener sein.
Verrichte dein Werk, tritt dann zurück.
Das ist der Weg zur Gelassenheit.
 
Die Bescheidenheit eines Managers bedeutet nicht unbedingt Bescheidenheit in materiellen Dingen. Bei der hier gemeinten Bescheidenheit geht es eher darum, sich selbst nicht zu überschätzen und andere anzuerkennen, sie mitkommen zu lassen und sie in den Vordergrund zu stellen.
Bescheidenheit hat viele Ausprägungen:
¬ nicht meinen, man müsste alles wissen,
¬ für andere Zeit haben,
¬ zuhören,
¬ sich für die Probleme anderer interessieren
¬ für seine Fehler einstehen,
¬ die achten, die einen auf Fehler aufmerksam machen.
Bescheidenheit ist eine wichtige Voraussetzung, um Bodenhaftung zu behalten.
Eitelkeit ist der Feind der Bescheidenheit. Wer bescheiden ist, hat seine persönliche Eitelkeit besiegt und nimmt sich selbst zurück. Er lässt den Erfolg sprechen und vertraut seinen Mitarbeitern.
 
Der Meister hat kein eigenes Denken und Empfinden.
Er arbeitet mit dem Denken und Empfinden der Mitmenschen.
Er ist gut zu Menschen, die gut sind.
Er ist auch gut zu Menschen, die nicht gut sind.
Das ist wahre Güte.
Er vertraut Menschen, die vertrauenswürdig sind.
Er vertraut auch Menschen, die nicht vertrauenswürdig sind.
Das ist wahres Vertrauen.

9. Das Vorbild bewirkt mehr als jeder Zwang
Was heißt, Vorbild zu sein: manche Dinge ganz bewusst tun, manche Dinge ganz bewusst unterlassen, sich ganz authentisch verhalten.
Ein Vorbild ist eine Person, die andere Personen zum Nachahmen motiviert. Ein Manager ist Vorbild, wenn er bescheiden und wirksam arbeitet, durch Handeln überzeugt und offen kommuniziert. Letztendlich wirkt ein vorbildlicher Manager durch Sicherheit und Gelassenheit. Wie Laotse lehrt, muss man in sich ruhen, d.h. man muss sich seiner Person, seines Könnens, seiner Ziele und Vorstellungen sicher sein.
Zum Vorbild gehört auch eine gelungen Work-Life-Balance, eine gute Mischung zwischen herausfordernder Tätigkeit und der Unbeschwertheit und dem Genuss von Erholungsphasen.
Ein weiteres Kennzeichen eines vorbildlichen Managers ist Integrität, d.h. Befolgen der vorherrschenden moralischen Grundsätze.
 
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