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Eine Schwalbe macht noch keinen...

Willi Winkelmüller lernt eine effektive Methode, aber eigentlich hat er keine Zeit für so etwas

 

„Schon wieder was Neues. Als hätten wir mit unserem Tagesgeschäft nicht schon genug zu tun“, beklagte Winkemüller sich noch einen Abend vor Abreise zum Führungskräftetraining nach St. Gallen bei seiner Frau.

Sein Unternehmen, der Maschinenbauer Höftig, hält aber was von Qualifizierung und Veränderung. Deshalb schickten sie ihn auch auf den teuren Workshop. Golfen inklusive. „In entspannter Atmosphäre Neues lernen…“, so stand es in der Einladung. Und es stimmte. Eine beeindruckende Landschaft, erstklassiges Hotel, gutes Essen und ein kompetenter Trainer erwarteten Winkemüller in St. Gallen. Trotz des schlechten Wetters – es regnete fast ununterbrochen – hatten alle drei lehrreiche Tage und Spaß. Denn wann kommt man sonst schon dazu, Papierschwalben zu bauen, ohne dafür belächelt zu werden? Doch eher selten. Es sei denn, man hat ein Kind. Ansonsten sieht es schon ein bisschen blöd aus.

Aber gut… die Übung hatte ja auch ein Ziel. Sie führte allen anschaulich und greifbar vor Augen, dass sich Investitionen in die Qualifikation der Mitarbeiter und auch in neue Methoden lohnen. Denn bei der Bildung ist es doch so, dass man den Nutzen ja nicht unmittelbar sieht, so wie z.B., wenn man einen Rasenmäher kauft. Dann sieht man gleich, ob der gut schneidet oder nicht. Das ist bei Bildung eben anders.

Nach seiner Rückkehr erzählte Winkemüller seiner Frau Silke begeistert die Geschichte mit der Schwalbe. Es war halb zehn, und eigentlich sollten seine Kinder schon längst im Bett liegen. Immerhin war es mitten in der Woche. Aber nachdem sie ihren Vater drei Tage nicht gesehen hatten, waren sie so aufgeregt, dass sie nicht schlafen konnten. Deshalb saßen sie auf den Treppenstufen und lauschten der Unterhaltung ihrer Eltern.

„Der Trainer hatte uns eine Schwalbe bauen lassen und den, dessen Schwalbe nach einem Probeflug am weitesten geflogen war, aufgefordert, allen anderen beizubringen, wie man solch eine Schwalbe baut. Und das war meine Schwalbe“, sagte Winkemüller stolz.

„Also stellte ich mich vor die Gruppe und führte den Bau meiner Schwalbe vor. Leider wollte das mit dem Nachbau nicht so recht klappen. Der eine konnte offenbar rechts und links nicht unterscheiden, der Typ aus dem Rheinland schien überhaupt kein räumliches Vorstellungsvermögen zu besitzen. Silke, Du kannst dir nicht vorstellen, was für Leute die Unternehmen nach St. Gallen schicken! Nicht zu glauben! Schließlich musste ich jedem Einzelnen auf unterschiedliche Weise erklären, wie man diesen verdammten Papierflieger zum Fliegen kriegt.“

Winkemüller gestikulierte bei der Erklärung wild. Einerseits weil er natürlich deutlich machen wollte, wie schwierig es war, allen Teilnehmern die richtige Bauweise zu erklären. Andererseits, weil er wusste, dass Silke seine Art, Geschichten zu erzählen, zum Lachen bringen würde.

Mit Stolz geschwellter Brust verkündete Winkemüller dann: „Mit meiner Muster-Schwalbe flogen letztendlich alle Schwalben weiter als zuvor.“ Und als der Trainer das Gesamtergebnis bekannt gegeben hatte, war der Effekt unmittelbar und allen sofort klar. Ohne die Muster-Schwalbe war die Gesamtstrecke aller Schwalben knapp 32 Meter gewesen. „Davon hatte meine alleine sieben Meter zurückgelegt. Als wir anschließend alle die gleiche Schwalbe gebaut hatten, war die Gesamtstrecke aller Schwalben auf stattliche 89 Meter angewachsen.“ Wenn der Seminarraum keine Wände gehabt hätte, wären sie locker über 100 Meter und viel weiter gekommen! So, und dann wussten alle wie es geht und bauten gleich noch eine Schwalbe, nur diesmal noch besser und mit ‘Höhenleitwerk‘. „Und weil es mittlerweile aufgehört hatte zu regnen, starteten wir unsere Schwalben draußen. 156 Meter, Silke, stell’ dir das mal vor. 156 Meter.“

Beachtlich. Winkemüller sah sofort ein, dass man investieren musste, wenn man besser werden will. Und man muss das Neue immer richtig an den Mann und die Frau bringen. Das war ja bei der Übung unmittelbar zu sehen. Vor allem die Methode war auch überzeugend. Die Gesamtleistung wäre eben nicht zustande gekommen, wenn nicht alle in ihre Kompetenz, Schwalben zu bauen, investiert hätten. Am Ende hatten sie alle einen Standard entwickelt. Und konnten den dann sogar noch Schritt für Schritt verbessern.

Winkemüller schwelgte in seinen Gedanken: „Wie motiviert alle plötzlich waren… schon bei der individuellen Erklärung… und dann erst bei den Testflügen, als es auch funktionierte! Wenn man das im Unternehmen... nicht auszudenken, was für Reserven ich damit freisetzen könnte.“

"Und", fragte Silke, "was machst Du jetzt mit Deinen Mitarbeitern?"

"Ja, ich habe leider keine Zeit für so etwas. Was meinst Du denn, was bei uns los ist im Unternehmen! Ich habe schließlich eine Abteilung zu führen!"

"Aber Du hast doch gerade gesagt, dass...!"

"Ich weiß, was ich gerade gesagt habe, aber das ist bei uns nicht drin. Wir haben Aufträge, sind in Zeitnot – da kann ich doch nicht jedem einzelnen Mitarbeiter... Wozu haben die ihr Gehalt?! Das sollte sie doch wohl genug motivieren! Ich habe einfach keine Zeit, mich dauernd um neue Methoden, Tipps und Tricks zu kümmern, dann komme ich ja nicht mehr zu meiner Arbeit, wenn ich dauernd mit den Mitarbeitern...."

Silke schaute ihren Mann ungläubig an: Da hatte er eben etwas gelernt, von dem er überzeugt war, dass es gut sei, aber jetzt erzählte er ihr lang und breit, warum es nicht möglich sein sollte, das selbst in die eigene Praxis umzusetzen."

Plötzlich ging die Tür zum Flur mit einem Poltern auf.

"Ihr solltet doch längst im Bett sein...!", rief Silke in Richtung Flur.

"Ja, aber guckt mal...!", rief sein achtjähriger Sohn Leo ganz begeistert ins Wohnzimmer.

"Josefine hat mir endlich gezeigt, wie man strickt! Ich kann stricken, ich kann stricken, ich kann stricken...!"

"Ja, aber Du solltest doch schon im Bett sein, hat Mama...", wollte Winkemüller eingreifen.

"Was hat sie Dir denn gezeigt?", fragte jetzt aber Silke ihren Sohn.

"Na, wie man strickt! Und jetzt stricke ich mir selbst einen Schal!“ Er platzte fast vor Stolz.

"Mann, und mein Bruder ist vielleicht doof!", sagte nun betont gelangweilt Josefine. "Das hat über zehn Minuten gedauert. Ich habe genau auf die Uhr geschaut! Aus dem wird nie was!"

"Willi, Dein Sohn hat zwei Reihen fast richtig gestrickt, kannst Du Dir das vorstellen?!"

Willi hatte verstanden. Morgen im Betrieb würde er also anfangen, "Schwalben zu bauen" und wenn seine ganze Vesper-Pause dabei draufgehen würde!

nach Detlef Scheer